Matthias Merz (VfL Lüneburg)



"Genieße die Erfolge, lebe mit den Niederlagen!"

 

Vor ein paar Wochen gab es beim VfL Lüneburg den großen Knall: Die 1. Herren wurde aus der Landesliga abgemeldet, die Spieler verstreuten sich im Landkreis, die neue 1. Herren startete in der 3. Kreisklasse. Viele Jahre lang wurde auf den Sülzwiesen höherklassig gespielt – doch wie hoch war der Preis für den sportlichen Erfolg/Ehrgeiz? Und welche Spuren hat die Entwicklung in der Fußballabteilung hinterlassen. Wir sprachen mit Matthias Merz, erhielt gewohnt klare Antworten.

 

Matthias, wie verliefen die letzten Wochen nach dem Landesliga-Aus beim VfL Lüneburg?

Das verlief alles tatsächlich ganz entspannt. Es ist eine Mannschaft nicht mehr da, sonst nichts.  

 

Welche Spuren hat die Abmeldung im Verein hinterlassen?

Überhaupt keine. Schon gar keine negativen Spuren. Ganz im Gegenteil hat sich relativ schnell eine gewisse Entspanntheit eingesetzt. 

 

Wie sehr hat es dich in den Jahren unter Druck gesetzt, ein Landesligateam zu formen und zu erhalten?

Der Aufwand ist in allen Bereichen dafür extrem hoch. Und das ging schon sehr an die Substanz. Druck haben nur die Leistungsschwachen, den verspürte ich eigentlich nicht… 

 

Was hat dir in dieser Zeit am meisten Substanz gekostet?

Die immer wieder notwendigen Gesprächsbedürfnisse der Spieler, des Trainerteams auch untereinander. Und natürlich nebenbei Vorstandsarbeit für die gesamte Abteilung. Und dann diskutierst Du mit deinen mittlerweile 7-jährigen Kindern und setzt das dann ins Verhältnis zu den Dingen mit denen Du Dich bei vermeintlich erwachsenen Spielern rumplagst. Da fasst Du Dir aber reihenweise an den Kopf und irgendwann ist es dann auch genug gewesen.

 

Wie groß ist der finanzielle Aufwand eigentlich, um Landesliga spielen zu können?

Das kommt darauf an, welche Ausrichtung man verfolgt. Auch hier gilt die alte Weisheit aus dem BWL-Studium. Du kannst ein bestimmtes Ziel mit dem kleinst möglichen Aufwand oder mit den gegebenen Mitteln das Maximale erreichen. Je nach Credo des Vereins

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Finanziell müsste es doch jetzt richtig entspannt sein – oder betrafen die Kosten nie den Verein/die Abteilung?

Für den Hauptverein fallen Kosten wie Schiedsrichteraufwendungen und Fahrtkostenzuschüsse weg. Ansonsten betrafen weitere Kosten nie den Hauptverein.

 

Warum muss man eigentlich unbedingt ein Landesliga-Team haben – stehen da Aufwand und Ertrag (sportlich wie finanziell) wirklich in einem Verhältnis?

Muss man nicht haben, kann man aber, wenn man es sich logistisch und kostentechnisch leisten kann und will. Oder man hat eben Glück und findet genügend qualitativ ausgebildete Spieler, die den Aufwand rein aus Liebe zum Hobby machen. Der Hauptgrund beim VfL Lüneburg sollte es eigentlich sein, den vielen guten Eigengewächsen eine sportliche Zukunft auch im Herrenbereich zu bieten, damit die Notwendigkeit für einen Wechsel zu anderen Vereinen aus Gründen der eventuellen höheren Spielklasse nicht nötig wäre. Der Plan ging auch die letzten Jahre auf. 

 

Gab es mehr Nehmer als Geber im Team?

Ganz ehrlich gesagt: in welcher Mannschaft oder in welchem (Sport-) Verein ist das nicht so ? Es ist ein Spiegelbild der Gesellschaft – einige machen, die meisten lassen machen. Daher kommt der Begriff Team … Toll, ein anderer macht…

 

Was ist deine größte Erkenntnis aus dieser Zeit?

Alles hat seine Zeit. Genieße die Erfolge, lebe mit den Niederlagen und setze alles ins Verhältnis zum wahren Leben. Dann merkst Du , dass es alles immer nur ein Spiel auf Zeit ist. 

 

Würdest du alles noch einmal so machen oder früher die Handbremse ziehen?

Ich hätte mir gerne das Erleiden eines Herzinfarktes erspart, aber die Mannschaft nicht mehr unter unseren gegebenen Rahmenbedingungen um jeden Preis in der Landesliga spielen zu lassen, war ein komplett richtiger Entschluss. Wir hätten es gerne gesehen, dass wir in der Bezirksliga spielen. Das war geplant und hätte ich gerne noch versucht zu organisieren, aber manchmal entwickelt das Leben eigene Pläne und dann passen die Schablonen von Theorie und Wirklichkeit auf einmal nicht mehr übereinander.

  

Hat dein Name unter den „Niedergang“ gelitten – gab es viel Häme oder mehr Unterstützung?

Ein Niedergang wäre es gewesen, wenn wir 3-mal hintereinander ohne Punkte abgestiegen wären. So ist es ein weitgehend freiwilliger Rückzug aus der höheren Ligenzugehörigkeit gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Der Zuspruch und die Unterstützung war groß, das hat mich ebenso überrascht, wie gefreut. Häme hat wahrscheinlich auch irgendwo irgendjemand empfunden… Bei mir kam nichts an, aber vorne herum ist das ja auch nicht mehr so gefragt. 

 

Nach Außen hin wirkte es, als ob du nach deiner Erkrankung trotzdem nicht loslassen konntest, andere Leute das Ruder übernehmen wollten – täuscht das?

Gerne hätte ich und würde ich nach wie vor etwas abgeben. Habe ich auch in Teilen schon. Aber dann muss auch gesichert sein, dass die neuen Steuerleute wenigstens den Kurs kennen und einen bisschen Plan vom Steuern haben. Das Gefühl hätte ich gerne gehabt - bei Holger Bruch und Ed Feddern hatte ich es zu jeder Zeit!

 

Wie schade ist es, wenn dann Leute wir Claus Göpfert auch gehen?

Das ist in der Tat immer der schmerzhafteste Abgang, wenn Du engagierte Ehrenämtler aus den eigenen Reihen verlierst. Und um Claus ist es besonders schade. 

 

Jetzt 3. Kreisklasse – wie geht es der Fußballabteilung damit?

Alles bestens. Für die Spieler und den Trainer hat sich nichts geändert, es ist Ihre bisherige Spielklasse. Und die Zuschauerzahl ist nahezu identisch mit Landesligaspielen gegen Mannschaften mit weitem Anfahrtsweg. Das ist zwar tabellarisch gesehen ein extrem harter Cut; wird aber derzeit von einem hohen Spaßfaktor und einem entspannten Drumherum begleitet. 

Und nicht vergessen: Wir haben auch noch engagierte weitere Teams im Verein: Es dreht sich nicht immer nur alles um die Herren im Verein. Damen, Juniorinnen und Juniorenteams leisten ebenso tolle Arbeit und machen uns viel Freude. Dazu haben wir mit den Razorbacks Footballern und Dynamo Lüneburg weitere Belebung auf unsere tollen Anlage. Das macht Spaß und Langeweile kommt nicht auf.

 

Wie sehen die nahen Ziele der Fußballabteilung aus?

Unverändert: Jede Mannschaft möge das gesetzte Ziel erreichen. Ambitioniert kannst Du und sollte man in jeder Spielklasse sein.

 

Wann wird es wohl wieder eine 2. Herren geben?

Bei dem Zulauf, den wir derzeit generieren, denke ich schon zur nächsten, allerspätestens übernächsten Serie.

 

Was kommt aus dem Nachwuchs nach?

Nach vielen starken Jahrgängen in den letzten Jahren, folgt dann aktuell unsere U17 im benannten Zeitraum nach.

 

Wo siehst du die Fußballabteilung des VfL Lüneburg in 5 Jahren?

Immer noch auf den Sülzwiesen…

 

Bist du dann immer noch am Start oder ist dein Abschied früher geplant?

Ich bin ja bekannt für verlässliche Antworten, aber in diesem Fall:  Keine Ahnung. Lass es uns so machen, Volker: Wenn Fortuna Düsseldorf Deutscher Meister wird, höre ich am selben Tag auf, dann hast Du das exklusiv…