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Klartext von TuS-Trainer Michael Höltig
Spielausfall Küsten – wie nervig war dieser?
Auf jeden Fall sehr nervig und der ganze Tag sehr unnötig und fragwürdig. Vielleicht nutze ich hier mal die Plattform, um zu schildern, was manchmal als „Machtspielchen“ in den Amateurklassen passiert. Die Sportplätze in Reppenstedt und Küsten trennen 72 km und etwa 1:15 Stunden Fahrt. Da uns die Situation mit dem fast durchgängigen Bodenfrost seit Donnerstagabend ja bewusst war, waren wir jeden Tag im Austausch mit dem SV Küsten, wie realistisch eine Austragung des Spiels ist und ob es ggf. eine Option ist, das Heimrecht zu tauschen.

Am Samstag wurde festgestellt, dass die meisten Plätze auch bei Sonne und knapp über 0 °C gegen 14 Uhr weiterhin durchgefroren sind. Nur in Küsten soll dies anders gewesen sein. Am Sonntagmorgen sind dann alle aufgewacht und haben weiß gefrorene Rasenflächen selbst im Zentrum Lüneburgs gesehen – bei etwa –5 °C. Ein Blick auf den Spielplan verriet, dass bis auf die Spiele in Südergellersen und in Küsten bereits alles abgesagt wurde. Auf erneute Nachfrage beim SV Küsten wurde zunächst nicht geantwortet und dann gegen 11 Uhr bestätigt, dass auf jeden Fall gespielt werden kann. Dies war für uns alle mehr als fraglich.

Wir fuhren also bei –2 °C und durchgängig gefrorenen Rasenflächen und Sportplätzen los – mit sechs Autos die 72 km nach Küsten. In Küsten angekommen, war allen das Bild relativ schnell klar: Kein normal denkender Mensch würde hier ein Verbandsfußballspiel austragen, wenn ihm die Gesundheit aller Akteure – also der Spieler beider Teams und auch der Schiedsrichter – in irgendeiner Form wichtig ist. Der Platz war trotz Sonnenschein auf zwei Dritteln der Fläche noch weiß, war auf 100 % der Fläche durchgefroren und an einigen Stellen durch den gefrorenen Tau extrem rutschig.

Dementsprechend war unsere Meinung eindeutig, dass wir dort zum Schutz der Gesundheit aller Akteure nicht spielen werden. Das Schiedsrichter-Team war eigentlich auch schnell unserer Meinung, der SV Küsten allerdings bestand weiter darauf zu spielen (die Intention ist uns bis heute unklar), und der Ton sowie die Mittel wurden immer rauer. Nachdem sich das Schiedsrichter-Team dann nach eingehender Beratung und etlichen Telefonaten über alle Instanzen durchgesetzt hat, die das Spiel unbedingt durchführen wollten (ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Spieler), das Spiel abzusagen, mussten wir uns noch etlichen Wortgefechten und teils Beleidigungen von Küstener Seite aussetzen, ehe wir – ohne an diesem Tag eine realistische Chance auf ein Fußballspiel gehabt zu haben – wieder die 72 km nach Reppenstedt zurückfahren durften.

An dieser Stelle aber noch ein riesengroßes Lob an das Schiedsrichter-Team um Mohamed Elbrol, die sich in keiner Sekunde aus der Ruhe haben bringen lassen und die vollkommen richtige Entscheidung durchgesetzt haben!

Am Ende stehen etwa 850 km umsonst gefahrene Strecke (gerade in Zeiten von Klimaschutzdebatten äußerst fraglich) und etwa 20 Leute, die über vier Stunden unterwegs waren – ohne realistische Chance auf ein Fußballspiel. Und um das Ganze noch richtig rund zu machen, wurde von Verbandsseite beschlossen, den Spieltag an einem Freitag im Februar nachzuholen. Wir spielen Bezirksliga und sind nicht im Profibereich tätig. Kein Platz hat eine Rasenheizung und wird im Februar sinnvoll zu bespielen sein, und wir sollen jetzt fünf Spiele im Februar austragen und fast an Neujahr mit der Vorbereitung anfangen – nur um dann in den Frühlingsmonaten, in denen jeder wieder richtig Bock auf Kicken hat, fast keine Spiele zu spielen (drei im April, vier im Mai und eins im Juni). Außerdem sollen wir unseren berufstätigen Hobbyfußballern erklären, an einem Freitagabend nach Küsten zu fahren und dann 43 Stunden später noch einmal nach Holdenstedt zu fahren (auch eine Stunde Fahrt)? Um es mit dem Jugendwort des Jahres zu sagen: Das ist crazy! Und ehrlicherweise: Genauso wird der Amateurfußball nach und nach kaputt gemacht! 

 

Könnte man überhaupt etwas ändern, damit die Ausfälle im November umgangen werden könnten?
Naja, ich bin der Meinung, auf jeden Fall. Denn dass wir in Deutschland nun mal zwischen Ende Oktober und Ende März kein perfektes Fußballwetter haben, sollte eigentlich jeder wissen. Daher stelle ich mir die Frage: Warum müssen wir bei 34 Spielen (eh schon zu viele für den Amateurfußball) 15 Spiele laut Plan in den Monaten November, Dezember, Februar und März austragen, aber in der Zeit von April bis Oktober nur 17 Spiele? Das erklärt sich mir schon seit etlichen Jahren nicht. Am Ende wird jedes Jahr in den Wintermonaten wieder darüber diskutiert, aber geändert wird nie etwas – mit ganz fragwürdigen Ausreden wie „ging früher doch auch“ oder „geht wegen der WM oder EM nicht“. Also, aus Reppenstedt hatte in der letzten Länderspielpause keiner einen Anruf von Julian Nagelsmann bekommen – oder ist zumindest bei der unbekannten Nummer scheinbar nicht rangegangen.

 

Was gibt es noch zu sagen?
Es wäre wirklich allen Vereinen, Spielern, Schiedsrichtern und anderen Funktionären zu wünschen, wenn so eine Situation wie oben beschrieben nicht noch einmal vorkommt und jeder auch mal etwas nachdenkt – und nicht nur an sich selbst. Denn wir reden hier meistens über Amateursport als Hobby in der sechsten bis teils zwölften Liga, und da sollten Verständnis und Fairplay doch auch mal Vorrang haben, auch wenn es auf dem Platz gerne immer heiß hergehen darf.