Wo sind bloß die Jahrhunderttalente hin?

Der europäische Spitzenfußball zeigt es uns mal wieder: Jahrhunderttalente soweit das Auge reicht. Da wäre es doch gelacht, wenn es nicht auch in unserer Region den einen oder anderen zukünftigen Nationalspieler gibt – Ralf Sievers (jetzt lockere 60 Jahre jung) hat es doch vorgemacht. Und so werden seit Jahrzehnten die unglaublichen Talente aus Stadt und Land zu Talentsichtungen eingeladen oder von den Eltern zu einem Verein gebracht, wo dem Sprössling das letzte Hundertstel Talent herausgekitzelt wird, weil es dort einfach professioneller zugeht als im Heimatverein. Die Krönung ist, wenn man in der U10 eines Bundesligisten dabei ist, egal, ob man drei Mal in der Woche durch das halbe Bundesland brettert. Okay, im Heimatverein ist der Junge der Held, bei den größeren Klubs nur einer von 25 Kindern, vielleicht sogar nur Mittelmaß – egal, der wird sich durchsetzen! 

Ha, wenn ich als Elternteil schon keinen Erfolg auf dem Platz hatte, dann muss halt Sohnemann in die Presche springen. Und so stürmt der Jüngling ab der U8 von einem Verein zum anderen, holt Medaillen und Pokale, ist der gefeierte Held auf dem Platz – wie stolz die Elternbrust doch anschwillt. Der leichte Knick in der Pubertät (ja, irgendwann sind Mädchen interessant), der immer größere Druck in der Schule, dazu der Verlust von Freundschaften und dem fehlenden Gefühl zu einem Verein eine Bindung zu haben sind auch nicht zu verkennen – aber der Junge will ja von sich aus diesem Weg einschlagen, weil er spürt, er ist der neue Messias im Fußball.

Stellt sich bloß die Frage, wo unsere vielen Jahrhunderttalente der vergangenen Jahre abgeblieben sind werden – und wie viele dieser Jungs haben spätestens in der C-Jugend die Lust am Fußball verloren? Wenn man allein an die unglaubliche Zahl der Kinder und Jugendlichen denkt, die in den Stadtvereinen durchgeschleust werden. Wo endet die wilde Fahrt im Herrenbereich? In der Landesliga, Bezirksliga oder sogar „nur“ im Kreisfußball? Ja, die endlosen Fahrten in der Jugend haben sich gelohnt, denn nun geht es im Herrenbereich um 10 Uhr morgens nach Cuxhaven – immerhin gibt es dafür eine Aufwandsentschädigung. Noch schöner ist es, wenn man plötzlich gegen die alten Kumpels aus dem Heimatverein spielt, weil der Klub es auch in den Bezirk geschafft hat. Und wie viele „enden“ im Kreisfußball, weil das Studium, die Freundin, die Arbeit oder eine Party doch wichtiger sind? Dafür wechseln nicht wenige von ihnen nun im Herrenbereich Jahr für Jahr den Klub, manchmal sogar nach einem halben Jahr, irgendwo wird es schon einen Euro geben – warum auch nicht, wenn man zu keinem Verein ein Gefühl entwickeln kann! Und wenn diese „Regionalstars“ in  Medien hochgejubelt werden, dann hat man es wirklich geschafft! 

Sind die jungen Kicker von heute wirklich zu beneiden? Früher war sicherlich nicht alles besser, aber es war auch schön, mit seinen Kumpels von der F-Jugend bis zur A-Jugend zusammen gespielt zu haben, um anschließend gemeinsam in den Herrenbereich zu ziehen. Es ist kein schlechtes Gefühl, wenn man 300 oder mehr Spiele für seinen Heimatverein gemacht hat, auf- und abgestiegen ist und Pokalsiege gefeiert, endlose Stunden in der Kabine verbracht und sein Trikot mit Stolz getragen hat. Und wenn sich die alten Haudegen alle zwei Jahre zum Traditionsspiel treffen, dann wird doch die eine oder andere Träne unterdrückt – aber es wird auch viel gelacht und jede Niederlage in einen Sieg umgewandelt. Okay, dafür haben solche Typen keine 25 verschiedene Trainingsanzüge im Schrank hängen. Dafür aber einen Messingteller mit Gravur, der auf die über 300 Spiele für den Heimatverein hinweist – so etwas kann auch mit Stolz erfüllen!