Der Amateurfußball im Wandel der Zeit

Amateurfußball steht für Leidenschaft, Vereinsleben, Bratwurst und Bier. Doch genau wie der Profifußball hat sich der Amateurfußball in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Dabei geht es gar nicht darum, ob die Zeit früher „besser“ oder „schlechter“ war, eins steht jedoch fest: Amateurfußball war vor 30 Jahren ganz anders, als man es heute kennt.

Die 1990er Jahre im deutschen Amateurfußball

In den Jahren zwischen 1990 und 2000 spielte der lokale Fußballverein eine wichtige Rolle für Spieler, Trainer und Ehrenamtliche. Der Fußballplatz war der zentrale Treffpunkt im Stadtteil oder im Dorf. Nach den Spielen saßen die Mitglieder lange zusammen. Die Loyalität im Verein war hoch und Wechsel waren sehr selten. Häufig spielten die Spieler von der Jugend bis zu den Alten Herren im selben Klub. Bei den meisten Vereinen wurde zweimal in der Woche trainiert, auf Athletik oder individuelle Förderung wurde nur wenig Wert gelegt. Der Spaß stand im Vordergrund, da andere Freizeitangebote, besonders im ländlichen Raum, rar waren.

Die Spieler waren damals Teil eines Vereinslebens, nicht Teil eines Projekts. Zusammenhalt und gemeinsame Rituale waren wichtig. Mannschaftsabende, Feste im Verein und das Zusammensitzen nach Training und Spiel gehörten genauso dazu wie Aktivitäten außerhalb des grünen Rasens. Gegen Ende der 1990er Jahre veränderte sich das Vereinsleben dagegen spürbar. Wechsel wurden häufiger und die Zeit wurde knapper. Gespielt wurde in der Regel mit einem klassischen Libero, zwei Manndeckern und einem System, welches viel auf Kampf und Improvisation beruhte. Trainerlizenzen oder ausgeklügelte Taktiken waren damals noch kein Thema.

Amateurfußball zwischen 2000 und 2010

Anfang der 2000er Jahre kam es immer öfter zu Vereinswechseln, vor allem bei ambitionierten Spielern. Das Vereinsleben spielte zwar immer noch eine zentrale Rolle, stand jedoch langsam aber sicher nicht mehr über den Leistungen auf dem Platz. Auch die Trainingseinheiten wurden professioneller. Zudem wurde ein größerer Wert auf die Fitness gelegt. Selbst in den unteren Kreisligen waren Einheiten im Fitnessstudio und regelmäßige Waldläufe keine Seltenheit mehr. Obendrein schlossen die Trainer nun professionelle Trainerlehrgänge ab. Dies war in den 1990er Jahren noch unvorstellbar. Taktisch setzten sich die Raumdeckung und die Viererkette durch, auch erste Pressing-Ansätze waren zu sehen.

Generell ist heute ein Aufstieg oder ein besserer Platz in der Tabelle wichtiger als in den früheren Jahren. Man kann sagen, dass der Amateurfußball ernster wurde. Auch der Alkohol-Konsum ist weniger geworden, da es vor allem für junge Spieler nicht mehr in das Bild eines Fußballers passt. Gleichzeitig wurde das Interesse am Amateursport geringer, da Pay-TV-Sender wie Sky, die Bundesliga und viele weitere Spitzenligen für ein paar Euro im Monat direkt ins Wohnzimmer brachten. Des Weiteren boomten die Zuschauerzahlen in den ersten beiden Ligen, was ebenfalls zu Lasten des Amateursports ging.

2010er Jahre: Große Veränderungen

Seit den frühen 2010er Jahren bestehen Mannschaften immer seltener aus lokalen Spielern. Viele Spieler kommen aus unterschiedlichen Orten oder Bezirken und kennen sich nur noch vom Fußballplatz. Dies fällt zu Lasten des Zusammenhalts. Waren früher die Akteure noch lange nach dem Spiel oder dem Training zusammen, ist das mittlerweile immer seltener der Fall. Der Amateurfußball ist nur noch eine Freizeitbeschäftigung unter vielen. Ein Fußballverein besitzt für die meisten Spieler „nur“ noch den gleichen Stellenwert wie die Mitgliedschaft im Fitnessstudio oder in anderen Vereinen.

Gleichzeitig verlieren immer mehr Fußballvereine ihre ehrenamtlichen Helfer. Zum einen aufgrund eines generell höheren Freizeitangebots, aber auch, weil der Zusammenhalt in vielen Vereinen mit den Jahren gelitten hat. Die Trainer definieren sich deutlich stärker über Lizenzen, Fachbegriffe und Systeme. Anders als in der Vergangenheit streben einige Trainer bereits in der Kreisliga nach einer möglichen Karriere. War früher der Trainer häufig ein ehemaliger Spieler aus dem Ort, wird er seit den 2010er Jahren immer häufiger von anderen Vereinen abgeworben.

Eine große Rolle spielt auch das Thema Social Media. Spiele werden live gestreamt, wozu es zu Vergleichen mit anderen Teams oder Spielern kommt. Selbst Kreisliga-Mannschaften verfügen gegen Ende der 2010er Jahre über eigene Social-Media-Kanäle und streben somit nach Reichweite. Auch wenn der Amateurfußball heute sichtbarer ist und dadurch eine große Masse angesprochen wird, geht das generelle Interesse eher zurück. Für steigendes Interesse würden sicherlich Wetten auf Amateurspiele sorgen, doch dies ist laut GGL-Vertrag nicht erlaubt. Auch Wettanbieter ohne GGL bzw. OASIS bieten in der Regel nur Wetten bis zur dritten oder maximal bis zur vierten Liga an. Wenn Wettende beim Wetten OASIS umgehen, dann sicherlich nicht deshalb, weil sie gerne auf Amateurspiele wetten möchten.

Amateurfußball heute

Ernährungspläne und GPS-Tracking-Westen bestimmen den Alltag in vielen Kreisliga-Mannschaften. Was vor einigen Jahren undenkbar schien, ist heute Alltag geworden. Dadurch erhoffen sich die Trainer einen echten Mehrwert für ihre Spieler. Dass sich der Kreisliga-Fußball damit immer mehr von der Basis entfernt und einige sogar den Spaß daran verloren haben, wird nur selten beachtet. Viele Spieler hören früher auf als noch vor 10 Jahren. Dies war besonders extrem nach der Corona-Pandemie, als es im Amateurbereich zu Saisonabbrüchen und damit auch zu Vereinsauflösungen kam. Der Fußball verlor seine Selbstverständlichkeit, und Spieler, die wirklich nur „aus Spaß“ und weniger aus Leistungsgründen ihrem Hobby nachgingen, verloren die Motivation. Dadurch kämpfen Vereine um ihre Existenz. 

Auch eine höhere Bürokratie und Verbandsvorgaben schrecken die Vereinsmitarbeiter ab. Es ist kein Zufall, dass vor allem in ländlichen Regionen mehr Vereine aus dem Vereinsregister gelöscht werden oder als letzten Ausweg Teil einer Spielgemeinschaft werden. Wir dürfen gespannt sein, ob sich das Rad noch einmal zurückdrehen lässt und der Amateurfußball wieder an Attraktivität dazu gewinnt.